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Alfons Maissen

 

Alfons Maissen
 

 

 

Alfons Maissen (Ilanz, 29.3.1905 - Chur, 5.6.2003)

Volkskundler, Philologe, Sammler

Biographie

Alfons Maissen wurde am 29. März 1905 in Ilanz (GR) als Sohn eines Holzfabrikanten geboren. Er absolvierte das Lehrerseminar in Chur und unterrichtete ab 1925 in Darin, ab 1936 in Ilanz. Nebst seinem Beruf bildete er sich laufend weiter. In Fribourg und in Genf studierte er Musik und Gesang (u.a. bei Abbé Joseph Bovet und Otto Barblan) und eignete sich musikalische Kompetenzen an, die es ihm später erlaubten, nicht nur verschiedene Musikgesellschaften und Chöre zu leiten, sondern auch musikethnologisch tätig zu werden. Im Jahr 1934 begann Maissen, im Auftrag der Schweizerischen Gesellschaft für Volkskunde eine Sammlung rätoromanischer Volkslieder anzulegen. Die Arbeiten an diesem Projekt sollten ihn – mit Unterbrüchen – bis zu seinem Lebensende beschäftigen. An der Universität Zürich belegte er das Fach Romanistik, das er 1943 mit der Dissertation Werkzeuge und Arbeitsmethoden des Holzhandwerks in Romanisch Bünden abschloss. Diese Arbeit machte den Beginn einer über Jahrzehnte andauernden Erforschung der Bündner Volkskunde und Kultur. In unermüdlichem Sammeleifer trug er rund 7'000 volkskundliche Objekte zusammen, die den Grundstock des – von ihm initiierten und 1988 eröffneten - Museum Regiunal Surselva in Ilanz bildeten. Von 1946 bis 1970 war Maissen Lehrer für Deutsch, Italienisch und Rätoromanisch am Lehrerseminar Chur. In diese Lebensphase fällt auch seine Mitarbeit am Dicziunari Rumantsch Grischun, seine Beschäftigung als Übersetzer sowie seine Tätigkeiten als Redaktor der Zeitschrift Igl Ischi (1962-1972) und der romanischen Radiosendung Radioscola (1955-1980). Zusammen mit dem Engadiner Bartholomé Schocher realisierte er mehrere volkskundliche Kurzfilme. Alfons Maissen starb am 5. Juni 2003 in Chur.

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Einleitung zur Sammlung

Zum grossen Nachlass Alfons Maissens gehört eine alle Idiome umfassende Sammlung von rund 1'500 rätoromanischen Volksliedern. Sie ist ein Unikat und dementsprechend kulturhistorisch wertvoll. Die Lieder sind zwischen den 1930er und 1960er-Jahre in ganz Graubünden aufgenommen worden. Das frühe Material befindet sich auf 100 Gelatine-Platten, die späteren Aufnahmen auf 138 Tonbändern. Ergänzend dazu stellte Maissen Notenblätter zusammen und verfasste erläuternde Texte. Die gesamte Sammlung ist mit Sorgfalt und hoher Sachkenntnis – unter wissenschaftlicher Begleitung von Universitätsdozenten und weiteren Fachpersonen – angelegt und betreut worden. Maissen arbeitete bis kurz vor seinem Tod 2003 an der Herausgabe des Materials.

1934 war Alfons Maissen von Karl Meuli, dem Obmann der Schweizerischen Gesellschaft für Volkskunde (SGV), mit der Herausgabe einer Buchreihe über das romanische Liedgut betraut worden. 1945 erschienen die ersten beiden Bände im Rahmen der Schriften der Schweizerischen Gesellschaft für Volkskunde unter dem Titel Rätoromanische Volkslieder: Die Lieder der Consolaziun dell'olma devoziusa. Im Mittelpunkt standen also die geistlichen Lieder einer Sprachgemeinschaft mit fünf verschiedenen Idiomen und zwei Konfessionen. Der erste Band handelt die Melodien auf der Grundlage von Notenblättern ab, der zweite liefert eine inhaltliche Analyse. Mit freundlicher Genehmigung der Schweizerischen Gesellschaft für Volkskunde können Auszüge (PDF-Datei, 30 MB) aus dem ersten Band, die grundlegende Informationen zu den musikethnologischen Felderhebungen (inklusive Angaben zu den einzelnen Sängerinnen und Sängern) enthalten, eingesehen werden.

Nebst Maissen arbeitete auch der namhafte Komponist Werner Wehrli an der Redaktion und Herausgabe der beiden Bände. Allerdings verstarb Wehrli 1944, noch vor dem Erscheinen der Rätoromanischen Volkslieder. Aufgrund seines Todes, aber auch weil Meuli sich wieder hauptsächlich seinen Verpflichtungen als Universitätsprofessor zugewandt hatte und Maissen von seinen Berufsaufgaben und Sprachforschungsaktivitäten stark absorbiert war, stockte die Fortführung des Editionsvorhabens. Zudem fehlten auch die finanziellen Mittel für die recht kostspielige Publikation. Tatsächlich sollte es schliesslich nie zur Herausgabe der weiteren geplanten Bände kommen. Wenigstens konnte die Sammlung aber laufend erweitert werden, indem bis in die 1960er-Jahre Tonaufnahmen gemacht wurden.

Die Sammlung aus dem Nachlass Maissen umfasst im Wesentlichen folgende vier Bestände:

  1. Sammlung des Berner Sängers und Sammlers Hanns In der Gand, der ab 1931 im Auftrag der SGV in der Surselva forschte und Aufnahmen machte. Es liegen zwanzig eingeschriebene Briefe mit Bündeln von Notenblättern vor, die In der Gand jeweils nach Basel verschickt hatte. Seine Aufnahmemethodik kann im ersten Band der Rätoromanischen Volkslieder (S. LXIII) nachgelesen werden.

  2. Sammlung Tumasch Dolf, dem wichtigsten Kenner und Sammler von romanischen Volksliedern. Kernstück sind handschriftlich verfasste Notenblätter zu rund 1'000 Liedern. Dolf begann seine Sammeltätigkeit 1913 im Auftrag des in Fribourg tätigen Universitätsprofessoren Caspar Decurtins und führte sie später im Auftrag der SGV weiter. Dolf beschreibt seine Arbeit im ersten Band der Rätoromanischen Volkslieder (S. LXX).

  3. Aufnahmen von Gian Gianett Cloetta aus Bergün und aus zwei Engadiner Ortschaften. Die rund 300 Lieder beinhaltende Sammlung entstand ursprünglich aus eigenem Antrieb, wurde mit der Zeit dann von der SGV aktiv unterstützt und gefördert.

  4. Sammlung Alfons Maissen, die im Rahmen des SGV-Mandats zwischen 1938 und 1944 entstand. Die ersten Aufnahmen wurden auf 100 doppelseitig bespielten Zelluloid-Platten festgehalten, dann erfolgte der Wechsel auf Magnetbänder, von denen 138 Stück vorliegen.

Die Volksliedsammlung aus dem Nachlass Maissen zeichnet sich insgesamt durch eine ausserordentlich grosse Vielfalt aus. Zahlreich sind Liebeslieder, Kinderlieder und Wiegenlieder. Aber auch andere Gattungen wie Soldatenlieder, Scherzlieder (heitere Lieder für die Jugendlichen), Burschenlieder für die Knabenschaften (die in der Surselva verbreiteten Cumpignia da mats), Tanzlieder oder brauchtümliches Liedgut wie Nachtwächterrufe, Fasnachtslieder, Dreikönigslieder, u.a. sind präsent. Dazu kommen geistliche Lieder, die noch nicht aufgearbeitet worden sind und im vorliegenden Online-Inventar deshalb fehlen. Jedes Lied bildet in sich eine Einheit. Balladenartige Lieder enthalten oft viele Strophen (nicht selten 15 und mehr) mit Erzählcharakter. Interessant sind die typisch alpenländischen Melodiebildungen: Dreiklangsmelodik und einfache Stufenmelodik, aber auch melodische Modulationsfloskeln, einfache Sprachrhythmen und komplexere Rhythmusfiguren (z.B. bei Tanzliedern). In den Liederbüchern wie Juhè, Il Grisch, Da cumpignia und in den Schulbüchern sind noch einige wenige dieser Lieder zu finden. Die meisten aber sind seither verloren gegangen. Man bedenke, dass die Tonaufnahmen der 1930er-Jahre zum Teil von 70-jährigen Sängerinnen und Sängern stammten, die ihre Lieder mitunter noch im 19. Jahrhundert erlernt hatten. Das einstimmige, einfache Gesellschaftslied wurde in der Folge von den vierstimmigen Liedsätzen für gemischte Chöre und Männerchöre verdrängt. Eine analoge Entwicklung vollzog sich im Bereich des geistlichen Volkslieds.

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Aufarbeitung des Nachlasses

Das während Jahrzehnten erhobene und gesammelte Tonmaterial blieb zu Lebzeiten Maissens unveröffentlicht. In einem Projekt des Instituts für Kulturforschung Graubünden ikg, das von 2006 bis 2009 lief, bereitete der Churer Kantonsschullehrer und Musiker Iso Albin den gesamten Nachlassbestand an Liedaufnahmen sachgerecht auf. Er legte eine Datenbank an, in der die Gesangsaufnahmen mit den entsprechenden handschriftlichen Notenblättern sowie mit weiterführenden Informationen zu Form, Funktion, Verbreitung und Entstehungskontext verknüpft werden konnten. Das Projekt wurde von der Kulturförderung Graubünden, vom Dicziunari Rumantsch Grischun (DRG) und vom Legat Anton Cadonau unterstützt.

Das Überspielen sämtlicher historischer Tonmaterialien in digitale Audiodateien besorgte die Fonoteca Nazionale Svizzera in Lugano. Ermöglicht wurden diese Arbeiten durch die finanzielle Unterstützung von Memoriav.

Die seit 2011 über das Archiv der Fonoteca Nazionale Svizzera zugängliche Sammlung umfasst 5'800 Audiodateien und 2'200 Noten- und Textblätter.

Die Aufführungs- und Reproduktionsrechte an sämtlichen Tonmaterialien respektive Audiodateien liegen bei der Schweizerischen Gesellschaft für Volkskunde, Basel.

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Literatur:

Albin, Iso: 2000 Lieder, ein kulturhistorischer Schatz. Die Volksliedersammlung von Alfons Maissen. In: Bündner Monatsblatt 2008, Nr. 2, S. 91-115.


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Bilder:

Alfons Maissen


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