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Jazz Biographies

Detail

TÜRKÖZ, Saadet

* Istanbul, 31.07.1961; Woman's voice

Meine Vorfahren sind kasachische Nomaden und stammen ursprünglich aus Ostturkestan. Als China dieses Gebiet besetzte, mussten sie das Land 1939 fluchtartig verlassen. Nach Jahren in Indien und Pakistan sind sie 1953 in die Türkei emigriert, wo sie noch heute leben. In Istanbul existiert eine kasachische Gemeinde, in der sie ihre Traditionen und Gebräuche pflegen. Hier wurde gesungen, getanzt und erzählt. In diesem Umfeld bin ich aufgewachsen.

Ich kam 1981 in die Schweiz, wo bereits meine Schwester lebte. Meine erste Wohnung teilte ich mit Muda Mathis (Les Reines Prochaines) und schon nach kurzer Zeit hatte ich viele Freunde in der Kulturszene, in welcher ich mich zu Hause fühlte. Diese kreative Welt und ihre Ausdrucksfreiheit zogen mich an.

Anfangs der neunziger Jahre begann ich als Sängerin aufzutreten. Ich begleitete meinen Gesang auf einem tibetischen Gong und auf einer schamanischen Trommel – sang Lieder, die ich aus der Kindheit kannte, und improvisierte zu ihnen. Es folgte eine Tanzproduktion, für die ich mit meiner Stimme arbeitete. Von da an realisierte ich Projekt um Projekt. Ich begann, in der Türkei zu recherchieren, später auch in Zentralasien, und sammelte türkische und kasachische Lieder. Auf diesen Liedern basieren die meisten meiner Improvisationen. Beeinflusst haben mich auch die arabische, indische und die europäische klassische Musik, die Klänge der Seidenstrasse und der zentralasiatischen Steppe sowie später auch Blues, Jazz, Neue Musik und andere Volksmusikstile aus allen Kontinenten.

Lange glaubte ich, dass ich ohne akademische Musikausbildung nicht professionell auftreten könne. Nach den ersten Auftritten wurde mir bewusst, dass dies möglich ist und dass es viele Musiker gibt, die wie ich ohne Noten arbeiten. In den Neunzigerjahren kam ich in Kontakt mit Musikern aus der Schweizer Improvisations- und Free-Jazz-Szene. Ich wollte genau wissen, wie sie arbeiten, nahm an verschiedenen Workshops teil und nahm privat Gesangsstunden. Zudem besuchte ich – dank dem Hinweis der Vokalistin Dorothea Schürch – ein Jahr lang einen Improvisationskurs in der Werkstatt für improvisierte Musik (WIM) bei Peter K. Frey.

Traditionelle kasachische und türkische Musik hat mich als Sängerin immer sehr beeindruckt. Was mich bewegt, ist vor allem ihre Nähe zu den Menschen, ihre archaische Kraft und Melancholie. Traditionen zu konservieren, das hat mich hingegen nie interessiert. Als Künstlerin verwende ich Melodien, Melismen und Rhythmen aus diesem grossen Fundus, improvisiere zu ihnen und entwickle sie weiter. Improvisationsmusik gibt mir den Raum, mich in neue Dimensionen zu wagen. In der Improvisation entstehen Melodie und Text von Moment zu Moment. Was da passiert, ist Kommunikation: Wir erzählen mit unserer Musik Geschichten; dabei treffen wir uns, driften auseinander oder stören uns. Zusammen brechen wir zu Neuem auf. Es passiert vieles, das über die Musik hinausgeht. Für mich ist es eine Art Mystik und Imagination, die durch Leidenschaft und Intensität entsteht.

Meine Musik ist Erinnerung an meine Wurzeln. Sie ist eine Landschaft der Poesie, ein Geschmack von wilder reinrassiger Pferdemilch, das Bild des blauen und weiten Himmels, wo Adler würdevoll fliegen, die Sehnsucht von wehmütigen Verliebten, die nie zusammenkommen, die Melancholie von alten Menschen, die von Welt nichts mehr erwarten, oder von Kasachen, die den Verlust ihrer Heimat besingen. Ich sehe meine Gesangskunst als eine schöne Begabung und Chance, den Blick nach vorne zu richten. In ihr spüre ich menschliche Gemeinsamkeiten und Differenzen. Ich liebe die Begegnung und den Austausch zwischen den Kulturen, weil ich überzeugt bin, dass die Kunst die Menschen zusammenbringt.

Festivals Schweiz (Auswahl)

La Bâtie, Genève; Schaffhausen Jazz; Taktlos, Zürich; Unerhört, Zürich; Akkordeon Festival Zug; Stimmenfestival Ettiswil; Expo 02; Stummfilmfestival Zürich; Jazz Festival Willisau, Stadtsommer Zürich, Lavin Jazz Festival….

Festivals international (Auswahl)

Mulhouse Jazz Festival; Akbank Caz Festival, Istanbul; Earshot Jazz Seattle; Saalfelden Jazz; Midi Jazz Festival, Beijing; Almaty Jazz; Edge of Wrong, Cape Town; Bishkek Jazz Festival; Moers Jazz Festival; Gdansk Window onto the World; Nürnberg Jazz Festival; Leipziger Jazztage; Vilnius Jazz Festival; Stichting Doc Festival, Amsterdam; Skif International Music Festival, St. Petersburg; Dom Impro Festival, Moscow; Transmusicales, Rennes; Ring Ring Festival, Belgrad; Egde of Wrong Festival, Oslo; Irtijal Beirut; City of Women, Ljubljana; Jazz and More, Sibiu, Romania; Jazz Cerkno; Jazz Festival Alto Adige Südtirol; Justmusic Festival, Wiesbaden; Internationales Impro Festival, Antwerpen; Tilburg Music Festival; Warsaw Impro Music Festival; Chicago Asian Art Festival; Stuttgarter Jazztage Merlin, Biennale Istanbul, Shanghai Crossover Festival…

Musikalische Kooperationen (Auswahl)

Flo Stoffner, Pascal Schaer, William Parker, Angelika Niescier, Urs Leimgruber, Peter Kowald, Norbert Möslang & Andy Guhl, Eyvind Kang, Günter Baby Sommer, Koch-Schütz-Studer, Co Streiff, Werner Lüdi, Christine Lauterburg, Doro Schürch, Conny Bauer, Okay Temiz, Okkyung Lee, Makigami Koichi, Wu Wei, Kylie Sheperd, Roland Jurckock, Vincent Glanzman, Flo Göttert, Fred Frith, Miya Masaoka, Xu Feng Shia, Charlotte Hug, Sainkho Namchylak, Elisabeth Harnik, Jan Schlegel, Peter Schärli, Selen Gülün, Shahzad Ismaily, Carla Kihlstedt, Giyda Valtersdottir, Kesivan Naidoo, Dominik Blum, Larry Ochs, Mazen Kerbaj, Sharif Senhoui, Jan Galega Brönimann, Werner Hassler, Lukas Niggli, Jean Jaques Pedretti, Mathias Müller, Christian Thome, Robert Morgenthaler, Wilbert de Joode, Korhan Erel, Joelle Leandre, Marco Käppeli, ZIM Ngwana, Tobias Delius, Bruno Amstadt, Mich Gerber, John Edwards, Gudmundur Petursson, Philippe Schaufelberger, Christian Weber, Claudio Puntin, Gerry Hemingway, Ignaz Schick …

Mitwirkung in Musik-, Tanz- und Theaterprojekten (Auswahl)

2019 Mathias Spohr (Bruno Spoerri musikalische Leitung) “Dietegen“ Zürich Maaghalle

Jun Kawasaki, «Euroasia Opera», Tokyo

2018 Operncompagnie Novoflot, «Teahouse», Kunsthaus Walcheturm Zürich (Ende September)

2018 Luca Sisera’s Requiem «Deer Heaven», Rosenhügel Chur

2018 Elpida Orfanidou Tanzprojekt, Ballhaus Berlin

2017 Fritz Hauser (7 Stimmen, 7 Schlagzeuge) im Staatsarchiv Basel

2015/2016 Opercompagnie Novoflot, Akademie der Künste Berlin

2014 Werner Dickel, Musikhochschule Wuppertal, «Die Geschichte vom Soldaten», Igor Stravinsky

2011 Japan Culture Foundation, «Soundmigration», Tokyo, Yokohoma

2010 Japan Culture Foundation, «Soundmigration», Istanbul, Budapest, Kairo

2009 Bobby Mc Ferrin, Lörrach Stimmenfestival, Kaiseraugust

2007 Franziska Baumann & Franziska Welti, «Voixlabyrinth», Festival Innovantiqua Winterthur

2004 Butch Morris, «Conduction 140», Nickelsdorf Konfrontationen

2002 Mustafa Kaplan & Filiz Sizanli Tanzprojekt, Theaterspektakel Zürich //Biennale Turin, ein Soundprojekt mit Fabian Neuhaus

1998 Wolfram Frank, Theaterstück im Rahmen des Theaterspektakels, Gessnerallee Zürich

1997 Johanna Lier, «Saphos Gedichte», Theater Winkelwiese, Zürich

1997 Swiss Improviser Orchestra

1996 Christian Marclay, «Swissmix», Belluard Bollwerk Festival, Fribourg

1993/94 «Wir laufen nicht Sternenbahn», Tanzproduktion

Weitere Kooperationen (Auswahl)

Literatur: Peter Weber, Ilma Rakusa, Johanna Lier, Bodo Hell, Nikola Weise.

Video, Theater, Film, Tanz: Pipilotti Rist, Gerda Steiner & Jörg Lenzlinger, Muda Mathis, Anka Schmid, Gitta Gsell, Chris Leuenberger.

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